Die Kirche - ein Raum zum Hören
(Ansprache von Gemeindediakon Eberhard Blauth)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeindeglieder, geneigte Hörer,
zunächst möchte ich meiner großen Freude Ausdruck geben, dass wir heute hier versammelt sind, um in einer Feierstunde den neu erworbenen Flügel für unsere Kirche einzuweihen. Wie es dazu gekommen ist und wer alles dazu beigetragen hat, ist durch Herrn Schaller schon dargelegt worden und wird in dieser Feierstunde angemessen gewürdigt.
Und nun ist es also da, dieses Instrument, das für die Gestaltung der Gottesdienste und für die musikalischen Veranstaltungen unserer Gemeinde eine große Bereicherung darstellt. Darüber hinaus bietet dieser Flügel die Möglichkeit für Konzerte von hoher musikalischer Qualität - vor allem natürlich durch die Weingartner Musiktage - aber auch durch die entsprechenden Vereine hier in Weingarten und darüber hinaus.
Und doch will ich heute Abend auch daran erinnern, dass ein Konzertflügel in einem Kirchenraum - zunächst - keine Selbstverständlichkeit ist. Es gab Stimmen aus der Gemeinde, und ich verstehe, was sie damit zum Ausdruck bringen wollten, die sagten: Ein Flügel für die Kirche? - Das ist doch Luxus!
Ja, zunächst ist das ein Luxus...! Aber ich möchte dafür werben, aus diesem Luxus etwas zu machen, was uns alle grundlegend nährt, was unser gemeindliches Leben und das gemeinschaftliche Leben hier in Weingarten noch lebendiger macht. Ich werbe also dafür, dass wir diesen Luxus-Flügel hier in der Kirche so intensiv zur Bereicherung des kirchlichen und kulturellen Lebens in Weingarten nutzen, dass er kein Luxus bleibt, sondern alle ihre Freude am Hören insbesondere dieses Instrumentes haben und sich bald niemand mehr unseren Kirchenraum vorstellen kann, in der nicht immer wieder dieser Flügel erklingt.
Womit ich auch bei dem mir gegebenen Stichwort bin: Hören!
"Wenn wir aufhören zu hören, dann hören wir auf zu sein!
Wenn wir beginnen zu hören, dann beginnen wir zu sein!
Ich höre - also bin ich!
So las ich bei Joachim Ernst Behrendt in seinem Buch: "Ich höre - also bin ich". Das Hören ist tatsächlich das, was das unterschiedlichste Geschehen hier in der Kirche in einem wirklich qualitativen Sinn verbindet. In den Gottesdiensten, Gebeten und Andachten spielt das Hören eine zentrale Rolle. Und dabei ist gerade dieses Hören sehr vielschichtig. Es geht nicht einfach nur um das rein funktionale Hören des Ohres. Es geht um das Ohr-Werden des ganzen Menschen, der vom Wort Gottes, das Leben schafft und vom Leben spricht - ergriffen wird. Das intellektuelle Verstehen steht dabei gar nicht im Vordergrund. Oft hat der Verstand noch gar nichts begriffen, da sind Herz und Seele schon genährt. Das Hören, das sich hier entfalten soll, ist eher ein Spüren, ein in Berührung kommen mit etwas Fremden, Andersartigen, das mir doch so nahe und vertraut vorkommt und von dem ich spüre, dass es - bei genauem Hinhören - mich selbst verändert.
Im wirklichen Hören auf des Wort des Lebens werde ich ergriffen und wachse immer über mein begrenztes Ich hinaus. Und genau das können wir auch beim Hören von Musik erleben. Unabhängig davon, ob wir die vom Komponisten so geschaffene Gestalt verstehen, führt sie uns doch - soweit wir es hörend zulassen können - über uns selbst hinaus. Etwas öffnet sich in uns, wird weit und empfänglich.
Diese Erfahrung einer Bedeutsamkeit, die über unser vordergründiges Alltagserleben hinausgeht und uns auch ein Stück innerer Freiheit vermittelt, kann jeder aufmerksame Konzertbesucher machen. In der Musik, wie in jedem Kunstwerk, bekommt die scheinbar so feste, starre und unbewegliche Welt Risse - die engen Grenzen unserer Wahrnehmung werden durchlässig für das Glitzern und Schimmern, Glänzen und Leuchten einer umfassenderen Wirklichkeit.
Hörend auf das Wort, begegnen wir dem Wirken des göttlichen Geistes. Hörend auf die Musik können wir uns öffnen für die größere Wirklichkeit, aus der heraus das göttliche Wort zu uns spricht...
Ich wünsche uns allen viele Stunden des Hörens hier in der Kirche: Sei es als Hörer des Wortes in Gottesdienst und Andacht, sei es als Hörer von Musik in kirchenmusikalischen und anderen Konzerten, zu Gehör gebracht durch diesen wunderbaren Flügel oder durch unsere Orgel, durch Trompeten und Posaunen oder Geigen und Flöten.
Alles Hören aber soll sich weiter und weiter der großen Stille nähern, aus der sich alles Gehörte wie ein unermesslicher Strom ergießt.